ich bin streng geworden

Foto - Johannes Feederle
Foto - Johannes Feederle

Vor ein paar Wochen erschrak ich tatsächlich so sehr vor mir selbst, beziehungsweise vor dem Alptraum meines siebenjährigen Ichs, dass mich der Gedanke einfach nicht mehr los ließ und es einfach niederschreiben muss.

 

Ich lief am späten Abend durch die Stadt und beobachtete zwei sehr junge sichtlich alkoholisierte Mädchen, die vielleicht grade so naive 15 Jahre jung waren. In diesem Moment erwischte ich mich selbst wie ich ihnen einen kühlen eisernen Blick zuwarf. - Spießig? Erwachsen? Ich bin streng geworden.

 

Als mich neulich ein Kommilitone ansprach und meinte er sei durch eine Gruppenarbeit durchgefallen, die wir "gemeinsam" gemacht haben (also er auf Reisen durch Europa und ich fleißig am Schreibtisch) und mich daraufhin bat eine Mail ans Office zu schicken und zu bestätigen er hätte genauso fleißig an der Arbeit geschrieben wie ich, habe ich kurz überlegt...

"nein. Es ist fair so wie es ist. Ich sehe es nicht eine solche Mail zu verfassen, die nicht der Wahrheit entspricht" antwortete ich geärgert. Ich wusste, dass ich ihn damit nur noch mehr unter Druck setzte, aber wir wusste beide, dass ich Recht hatte. Trotzdem fühlte es sich für einen Moment falsch an. Kühl. Streng. Vor ein paar Jahren hätte ich aus Angst vielleicht anders reagiert, aber jetzt will ich nicht mehr aus Angst vor anderer Reaktionen nicht nach meinem Willen handeln.

Ich bin streng geworden und als ich dies realisierte zuckte ich für einen kurzen Moment zusammen.

Ich bin streng mit mir selbst und erwarte es vielleicht deswegen auch von Anderen? 

Ich bin jeden Tag aufs Neue streng mit mir selbst, diszipliniert und genau. 

Mache Sport, trinke grünen Smoothie, kaufe keinen Fertigfraß, gehe in die Uni, lerne gewissenhaft, gehe auf wenig Parties. Habe einen strukturierten Terminkalender und einen Drang pünktlich zu sein. Manchmal bin ich zu vernünftig und zu spießig. 

Ich bin keine 17 mehr.

Ich bin streng mit mir selbst, mit Freunden und Fremden. Ich sage, was ich denke. Äußere Zweifel, Ängste und stehe über andere Meinungen drüber.

 

Dann schaue ich in meinen Spiegel und sehe meinen Gesichtsausdruck. Erwachsen. 

Doch dann plötzlich kommt ein verschmitztes Lächeln und meine Grübchen hervor. Das hab ich nicht abgelegt und ich bin froh, dass ich immer noch ich bin. Denn das soll auch immer so bleiben bei all der Ernsthaftigkeit, Disziplin und Strenge, die uns alle unser Leben begleitet.

 

Es ist irgendwie dieses Anfang 20er Erwachsen - also irgendwie doch noch nicht ganz. 


xo

 

Vanessa

* in freundlicher Zusammenarbeit mit Fotograf Johannes Feederle

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Kommentare: 2
  • #1

    Renate (Samstag, 05 März 2016 12:50)

  • #2

    Alexia (Samstag, 05 März 2016 14:42)

    Toll geschrieben, Liebes!
    Ich kann voll und ganz verstehen wovon du redest.
    Liebe Grüße, Alexia <3